[LE] Connewitz, was ist aus dir geworden!?

von: Autonome Antifas, Indymedia 18.01.2026

(Anmerkung: das hier benutzte Bild für den Artikel stammt nicht von den Autor*innen)

Versuch einer Einordnung der Geschehnisse rund um den 17. Januar 2026 in Leipzig-Connewitz aus autonomer antifaschistischer Perspektive

Die Ausgangslage schien klar – zumindest wurde sie uns in Connewitz über Wochen so vermittelt: Ein angeblicher Anti-Antifa-Aufmarsch stehe bevor. Entsprechend lief die Mobilisierung an, wie man sie kennt. Zubringer-Demo, mehrere angemeldete Kundgebungen, Demoticker, Ermittlungsausschuss. Alles wie immer. Und doch war dieses „wie immer” diesmal ein Trugschluss.

Schon allein die Tatsache, dass im Vorfeld gemeinsam mit Parteien wie Grünen, SPD, FDP und anderen Vertreter*innen der Staatsräson mobilisiert wurde, hätte jedem autonomen Antifaschisten zu denken geben müssen. Spätestens dort wurde deutlich, dass hier nicht gegen rechte Strukturen oder staatliche Verhältnisse mobilisiert wurde, sondern ein Protest entstand, der sich bewusst in den bürgerlichen Konsens einbettete – und diesen nicht in Frage stellte.

Denn mobilisiert wurde nicht gegen Nazis, nicht gegen Rechte oder staatliche Repression, sondern gegen migrantische Linke und palästinasolidarische Menschen. Ihnen wurde – pauschal wie selektiv – Antisemitismus, Autoritarismus und eine Nähe zu reaktionären Ideologien vorgeworfen. Anstatt diese Vorwürfe offen, differenziert und solidarisch zu diskutieren, wurde ein Feindbild aufgebaut, das vor allem eines leistete: die Legitimation für eine massive Mobilisierung gegen links.

Kritik an Gruppen wie Handala oder anderen palästinasolidarischen Zusammenhängen mag notwendig sein. Antisemitismus muss benannt und bekämpft werden. Doch genau diese notwendige Auseinandersetzung blieb aus. Auf berechtigte Kritik wurde nicht eingegangen, stattdessen dominierte eine aggressive Erzählung vom drohenden „anti-antifaschistischen Aufmarsch”. Diese Erzählung diente vor allem dazu, eigene Positionen zu immunisieren und jede Gegenrede als gefährlich oder illegitim zu markieren.

Am Tag selbst wurde dann offensichtlich, wie schief diese Mobilisierung war. Was als Abwehr eines vermeintlich gefährlichen Aufmarsches angekündigt worden war, entpuppte sich als weitgehend homogener, weißer Aufzug – ein Kartoffelaufmarsch durch und für Connewitz. Der migrantische Anteil lag gefühlt bei einem halben Prozent. Dafür dominierten Israel- und Ukraine-Fahnen, staatstragende Symbolik und Parolen wie „Nie wieder Gaza”.

Das Feindbild schien im Vorfeld klar benannt – doch stattdessen konnten sich Altherrengruppen wie die AG aus Halle/Saale ungestört in unserem Viertel präsentieren. Spätestens bei ihrem Redebeitrag, der sich offen polizeifreundlich zeigte, hätte es Interventionen geben müssen. Dass dies ausblieb, sagt viel über den politischen Zustand des Viertels an diesem Tag aus.

Besonders bemerkenswert ist dabei die historische Ironie: Genau diese Gruppe beteiligte sich in Connewitz an jenem politischen Muster, das sie Anfang der 2010er Jahre noch selbst kritisierte. In ihrem damaligen Text „Volksgemeinschaft gegen rechts” wandten sie sich gegen die erfolgreiche, aber politisch entkernte Massenmobilisierung gegen den Nazigroßaufmarsch in Dresden – wo „alles mobilisiert wurde, was Beine hatte”. In Connewitz wurde dieses Prinzip nicht nur reproduziert, sondern aktiv verteidigt.

Zu dieser Truppe gesellte sich unter anderem Never Again Berlin, eine Gruppe, die öffentlich dazu aufruft, keine Solidarität mit der Roten Hilfe zu zeigen. Auch sie konnten sich ungestört mit Transparent in unserem Viertel präsentieren. Dass Organisationen, die offene Angriffe auf antifaschistische Solidarstrukturen fahren, in Connewitz keinen Widerspruch erfahren, markiert einen politischen Dammbruch.

Erschreckend war auch, wie wohl sich an diesem Tag parlamentarische Kräfte fühlten. SPD, Linkspartei, Grüne, FDP – sie alle waren sichtbar präsent, eingebettet in einen Protest, der sich antifaschistisch nannte, aber keinerlei Bedrohung für bestehende Machtverhältnisse darstellte. Währenddessen konnte sich der Gegenprotest problemlos vermummen, ohne Repression fürchten zu müssen – ein Privileg, das sonst konsequent durch Repression bestraft wird.

Banner wie das der „Wessi-Antifas” von der ehemaligen Antifa Klein Paris machten deutlich, dass man mit den Zuständen in Connewitz offenbar zufrieden ist. Zufrieden mit einer Szene, die migrantische Perspektiven marginalisiert, Solidarität selektiv verteilt und Kritik von links lieber diffamiert, statt sich ihr zu stellen.

Bleibt die bittere Frage: Was ist aus Connewitz geworden? Aus einem Stadtteil, der einmal für radikale und solidarische Politik stand?

Der 17. Januar 2026 war kein Tag antifaschistischer Stärke. Er war ein Symptom einer tiefen Spaltung, die nicht von außen kommt, sondern hausgemacht ist. Wer migrantische Linke bekämpft, statt gemeinsam gegen Rassismus, Antisemitismus, Imperialismus und staatliche Gewalt zu kämpfen, trägt nicht zur Befreiung bei – sondern zur weiteren Entpolitisierung antifaschistischer Praxis.


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